von Stephan Kehry

Der letzte Samstag im Februar ist ein Tag voller Versprechungen: Es hat am Vortag ausgiebig geschneit und die Sonne macht erste Anstrengungen, sich das verzuckerte Allgäu einmal von oben anzuschauen. Nachdem wir von unserem Bergführer-Team Thomas und Stefan mit ausreichend Material (von Lawinenverschüttetensuchgerät -der Einfachheit halber einfach LVS genannt- über Tourenski bis hin zu den Fellen unter den Tourenbindungen) ausgestattet worden sind, stehen wir kurze Zeit später auch schon am Einstieg zu unserer heutigen Tour.

 Bergführer der Alpinschule Oberstdorf Thomas (re.) und Stefan bei der Vermittlung der Essentials

Genau eine Woche ist es her, dass ich selbst das erste Mal Tourenski unter den Füssen hatte. Nina, die dieses Mal auch wieder dabei ist, sagte mir damals zur Technik: „Es ist wie schlurpsen mir Skiern. Nur, dass Dir niemand sagt, dass Du die Füsse heben sollst…“. Mit einem Grinsen im Gesicht rufe ich mir die kompakte Technikbeschreibung nochmal ins Gedächtnis und schlurpse los. Bald lassen wir die Zivilisation hinter uns und bahnen uns unseren Weg durch eine unberührte Winterlandschaft. Das stetige Aufsteigen im Zeitlupentempo hat etwas meditatives, das bald von der gesamten Gruppe Besitz ergreift. Zu hören ist bald nur noch das Knirschen des Schnees, der eigene ruhige Atem und das aufgeregte Kreischen eines Eichelhähers, der so gar nichts mit der Schifferstädter Delegation anfangen kann, die sich gerade wie ein Lindwurm durch sein Wohnzimmer schlängelt.

Unsere beiden Betreuer passen gut auf, dass die Geschwindigkeit für die gesamte Gruppe nicht zu hoch ist und machen ausreichend Rast. Die unterschiedlichen Stopps werden mit viel Wissenswertem rund ums Thema Sicherheit in den Bergen gefüllt. Risikomanagement und Lawinenkunde nehmen hierbei ein zentrales Thema ein: schnell ist ein Block aus der Schneedecke herausgegraben, an dem man eindrucksvoll die verschiedenen Schneeschichten und deren Verbindung untereinander herauslesen kann. Gemeinsam mit dem aktuellen Lawinenlagebericht lassen sich hieraus bereits gute Rückschlüsse über die bestehende Situation ziehen und entsprechende Maßnahmen ableiten.

Aufstieg durch unberührte Winterlandschaft

Schließlich- der Gipfel ist schon in Sicht- haben wir noch eine kurze Bekanntschaft mit der Zivilisation: wir queren eine Skipiste. Sofort sind wir von Menschen umgeben, die viel zu schnell und viel zu hektisch um uns herum rasen. Manche fühlen sich sogar gestört von diesen Tourengehern, die sich offensichtlich nicht einmal einen Skipass leisten können. Glücklicherweise ist diese Begegnung nur von kurzer Dauer. Unaufhaltsam schieben wir uns dem Gipfel des Grünten (1738m) entgegen. Oben angekommen, ziehen wir den Skiern die Felle ab, uns die Helme auf und wedeln durch wunderbare Tiefschneehänge wieder zurück ins Tal. Es versteht sich von selbst, dass die Abfahrt viel zu schnell vorbei ist. Allerdings hat sie doch ausgereicht, um die Stellen vom Gehirn, die noch nicht mit Dopamin geflutet waren, komplett aufzufüllen.

Zurück im Hotel fallen wir dann auch fast umgehend nach einem üppigen Menü ins Bett. Und das ist gut so: Am nächsten Morgen besucht uns unser Bergführer bereits um 07:30 Uhr. Während wir mit Rührei und Müsli eine gute Grundlage für die bevorstehenden Höhenmeter legen, noch einmal grundlegende Theorie: Funktionsweise und Neuerungen der modernen LVS-Geräte, Notwendigkeit einer kompletten Lawinenausrüstung (LVS, Schaufel, Sonde und Handy) und Vorzüge moderner ABS-Rucksäcke werden anschaulich und spannend vermittelt. Noch während Theorie und Frühstück verdaut werden, machen wir uns zum Ausgangspunkt für unsere heutige Tour auf: Analog zum mehr als trüben Wetter verspricht der Sonnenkopf (1712m) zumindest von der Nomenklatur ein wenig Besserung.

Sehr zu unserem Bedauern bleibt der Name allerdings das einzige, was an diesem Tag ein wenig an Sonne erinnert. Die Luft ist feucht, manchmal fällt Schneeregen oder Schnee. Das hat auch direkte Auswirkungen auf unseren Aufstieg: der feuchte Schnee klumpt und geht eine innige Verbindung mit unseren Fellen ein. „Stollen“ nennt Bergführer Stefan diesen Prozess und schafft mit einem Stück Wachs umgehend Abhilfe bei den Betroffenen. Mit weniger Schnee unter den Skiern läuft es sich auch umgehend besser und so dauert es gar nicht mehr lange, bis wir auch diesen Gipfel gestürmt haben. Hier teilt sich die Gruppe: Eine Hälfte fährt die Nordseite des Bergs ab, steigt erneut auf und schließt sich dann den Kameraden an, die durch nassen, schweren Schnee und Stollenbildung keine Lust auf einen zusätzlichen Aufstieg verspüren. Bedingt durch die veränderte Wetterlage gestaltet sich die Abfahrt allerdings fast ebenso schwierig wie der Aufstieg. Jeder zurückgelegte Höhenmeter verändert die Konsistenz der Auflage, die Hänge sind bereits verspurt und fordern höchste Konzentration vom ganzen Team.

Fels ist bezwungen, frei atmen Lungen, ach wie so schön ist die Welt…

Trotz des hohen Anspruchs kommen alle Teilnehmer gesund und munter am Ausgangspunkt an. Die Gruppe „Nimmersatt“ schwingt etwas später ab, aber auch diese Wartezeit nutzt Thomas für eine Präsentation moderner Bergungshilfen. Im aktuellen Fall demonstriert er eine elektronische Sonde, mit deren Hilfe sogar das LVS eines Verschütteten ausgeschaltet werden kann- bei der Verschüttung mehrerer Personen ein unschätzbarer Vorteil, da das Signal die weitere Suche nicht mehr behindert.

Eine Einkehr in die Sonnenklause gibt den Teilnehmern noch die Möglichkeit, die leer gefahrenen Energiedepots wieder notdürftig aufzufüllen und letzte Fragen an die Experten zu richten, bevor es wieder heim in die Pfalz geht. Zurück bleibt neben einem moderaten Muskelkater auf jedem Fall die Erkenntnis, dass es eine Welt neben dem Alpinsport gibt. Ich kann nicht sagen, ob das Gras hier grüner ist, aber meist ist der Schnee wirklich weißer, auf dem man nach oben „schlurpst“.